Mach mal ein (Abstimmungs-)Schleifchen dran
- FRANK MERKL
- 14. Jan.
- 2 Min. Lesezeit

Das kennt jeder: Es liegt eine frische Idee auf dem Tisch und dann kommen sie. Mittelstands-Monika weiß nicht so recht, ob das nicht zu krass ist. Oder Konzern-Klaus sieht da nicht gleich den ROI. Die Frau vom Vorstand hat was gegen das Grün, weil das so "letztes Jahr" ist. Manchmal ist es auch ein Agenturchef, der schon so viele Mafos gesehen hat, dass er glaubt, selbst eine zu sein: "Menschen finden Ballonfahren langweilig." Gefährlich sind auch Leute, die eigentlich gar nix sagen wollten/können, aber vom Vorgesetzen zu einer Meinung genötigt werden. Die Liste ist lang und am Ende wird meist aus der frischen Idee ein fauler Kompromiss.
Kompromisse als Wow-Killer
Natürlich ist Abstimmung wichtig, um Fehler zu vermeiden oder Perspektiven einzubeziehen. Doch zu viele Köche verderben nicht nur die Köchin – sie produzieren auch gern verdorbenen Brei. Kreative arbeiten nicht für den „kleinsten gemeinsamen Nenner“, sondern für Wow-Momente. Doch Wow-Momente haben ein Problem: Sie polarisieren. Sie riskieren, dass jemand sagt: „Das gefällt mir nicht.“ Und genau das will man in Abstimmungsrunden meist um jeden Preis vermeiden. Wow-Momente beinhalten oft auch neue Aspekte. Neues ist nicht leicht zu verarbeiten für manches Hirn. Das strengt an und macht Schwitzepfötchen. Das Traurige daran ist, dass alle Beteiligten am Ende glauben, sie hätten einen wichtigen Beitrag geleistet. Die Idee mag zwar tot sein, aber jeder hat ein gutes Gefühl. Es ist wie bei einer Party, auf der alle entschieden haben, gemeinsam „Happy Birthday“ zu singen, obwohl niemand Geburtstag hat. Es macht keinen Sinn, aber es ist Konsens.
Was bleibt? Raus aus der Abstimmungsdemokratie? Ideen-König gegen Basis-Demokratie
Was aus kreativen Ideen in Abstimmungsprozessen wird, hängt davon ab, wie mutig alle Beteiligten sind. Haben sie den Mut, etwas Starkes zu wagen – auch wenn nicht jeder zustimmt? Oder gewinnt die Angst, jemand könnte sagen: „Das gefällt mir nicht.“? Ein Ideen-König muss Verbündete an sich ziehen. Ohne Tafelrunde steht man sonst allein da. Auch, wenn du das Schwert aus dem Fels bekommen hast. Natürlich können das auch Ideen-Königinnen, aber so war die Geschichte eben nicht ;) Möglichst viele Bedenken, Aber-Argumente, Fallstricke antizipieren und Gegenmaßnahmen entwickeln, ist ein Weg. Es hilft auch manchmal, Top-Entscheider mit in die Entwicklung der Idee so einzubinden, dass sie glauben, es käme von ihnen. Ist oft erschreckend leicht, weil diese Charaktere ja eh gern "effizient arbeiten" und "Copy&Paste"-Virtuosen sind. Kleiner taktischer Trick: Steig in die Idee mit Teilaspekten ein, die jeder quasi abnicken muss. Menschen neigen dazu sich konsistent zu verhalten und sind dann eher bereit, deiner großen Idee zu folgen.
Ideen-Kinder müssen raus, sonst wird nix aus ihnen
Am Ende bleibt Kreativen oft nur die Erkenntnis: Ideen sind wie Kinder. Man liebt sie, gibt ihnen das Beste mit, aber sobald sie in die Welt hinausziehen, hat man keine Kontrolle mehr. Und manchmal kommen sie ganz anders zurück, als man sie sich vorgestellt hat. Aber hey, wenigstens sind sie draußen. In diesem Sinne: Möge der nächste Abstimmungsprozess nicht ganz so schlimm werden. Aber realistisch gesehen, wissen wir doch alle, wie es ausgehen wird. Gell, Konzern-Klaus.
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